Leben und Wohnung mit einem Mann sowie seinen assoziierten 2500 LPs, 800 CDs und 700 Singles zu teilen ist langfristig nämlich gar nicht so einfach. Was man vielleicht auch damals schon hätte ahnen können, als der erste gemeinsame Urlaub anstand. Italien und Frankreich, baden in einsamen Buchten, essen in romantischen Restaurants, Sex in Pinienwäldern, drei Wochen lang nur er und ich? Von wegen! Nur er und ich und eine Liste aller unterwegs auf dem Weg liegenden Indie-Plattenläden, die er sich heimtückisch und hinterrücks vom Musikdealer seines Vertrauens hatte ausdrucken lassen. Und die er während der Reise Punkt für Punkt abzuarbeiten gedachte, wie sich schnell herausstellen sollte. Wenn es so etwas wie eine einen Urlaub symbolisierende Handbewegung gibt, dann wäre es ganz sicher das blitzschnelle, mittels Zeige- und Mittelfinger ausgeführte Umklappen von LPs, die aus unbekannten Gründen in jedem Laden Europas in roten Plastikkisten gehalten werden. Wenn es so etwas wie einen bei der Jagd nach Raritäten für mich abfallenden Bonus-Skill gibt, dann ist es wohl der Umstand, dass ich seither, obwohl über null Orientierungsvermögen verfügend, in der Lage bin, Indie-Plattenläden selbst in mir absolut unbekannten Städten förmlich zu riechen. Die Chancen stehen beispielsweise bei ungefähr 80 Prozent, dass sich in der nächsten Seitenstraße ein Geschäft namens Mono, Recordz oder Noise befindet, wenn in einer Straße ein Bio-Bäcker, ein abgeranzter Kiosk und ein Klamottenladen nicht mehr als hundert Meter voneinander entfernt liegen. Wobei die Inhaber ganz sicher vom Mitnahmeeffekt leben, denn spätestens nach einer halben Stunde Aufenthalt im Musikgeschäft ist eine durchschnittliche Plattensammler-Freundin so weit rundgelangweilt, dass ihr alles besser erscheint als Männern wie einen Platten-Junkie von seinem Tun abzuhalten. Ähnlich aussichtslos wie ein Kampf Dracula vs. Flipper. Keine Chance zu gewinnen. Er kann halt nicht anders. Musik ist sein Leben. So einfach ist das.
Und manchmal, wenn er freudestrahlend aus seiner euphemistisch Zimmer genannten Plattenhöhle kommt und zum Anhören seines neuesten Fundes einlädt, was meistens damit endet, dass wir die ganze Nacht in den Stücken schwelgen, die in unserem bisherigen Zusammenleben aus den unterschiedlichsten Gründen so immens wichtig waren, dann gibt es nichts Schöneres, als mit einem Plattensammler zusammen zu sein. Jede Frau sollte einen haben.