Das Leben ist kein Picknick, weiß der Volksmund. Leider nur theoretisch, denn praktisch ist es kaum möglich, auch nur die erste Sommerwoche zu überstehen, ohne dass irgendjemand ganz plötzlich von einem Picknick in freier Natur zu schwärmen beginnt und umgehend dazu einlädt. Diese Natur hat jedoch einen großen Nachteil: Sie wird von großen Mengen Viehzeug bewohnt. Hinterrücksem Viehzeugs - Wespen, Spinnen, Ameisen und Mistkäfer warten nur darauf, auf dem liebevoll neben der obligatorisch kratzigen Wolldecke arrangierten Pappteller mit Parmaschinken Platz zu nehmen, im Champagner zu baden, in den Mozarella-Tomaten-Salat zu pupsen oder mit ihren schmutzigen Füßchen einfach nur über die Butter zu trampeln.
Was aber eigentlich auch nicht weiter schlimm ist, denn in der langen Geschichte des Picknickens - das Herumschleppen von Lebensmitteln, Decken und Geschirr wurde nach dem Ende der französischen Revolution im Jahr 1789 immens populär, als die königlichen Gärten und Parks erstmals dem Volk zugänglich wurden - ist kein einziger Fall bekannt geworden, in dem es jemandem gelungen wäre, das Aufzuessende unbeschadet an die einsame Waldlichtung, den idyllischen Strand, die verschwiegene Almwiese zu transportieren.
Das liegt vor allem an den dafür vorgesehenen Behältnissen. Was von den Produzenten hässlich gemusterter, klobiger Plastikteile beispielsweise euphemistisch als Kühltasche bezeichnet wird, ist streng genommen lediglich eine Vorrichtung zum Produzieren von Essensmatsch. Denn sowie die Kühltasche geschlossen wird, setzt bei den hineingepackten Lebensmitteln ein irreversibler Selbstzerstörungsmechanismus ein - unabhängig davon, wieviele tiefgefrorene Elemente für lebensmittelerhaltende Kälte sorgen sollen. Selbst tendenziell eher nicht zur schnellen Verwesung neigende Obstsorten wie unreife Birnen verwandeln sich in Sekundenschnelle in einen gediegenen Brei, der zweifellos klaustrophobisch veranlagte Käse beginnt, in Gefangenschaft sofort zu schwitzen, Tomaten stülpen auf der Stelle ihr Inneres nach außen und sondern so lange Saft und Kerne ab, bis auch wirklich alle Mit-Kühltaschen-Insassen gleichmäßig mit klebriger roter Sauce überzogen sind. Und was für schlimme Dinge Menschen zustoßen können, die stundenlang in Kühltaschen gehaltene Nudel-, Kartoffel-, und Reissalate verzehren, kann man in den Sommermonaten täglich in den Notaufnahmen der neben idyllischen Picknickplätzchen gelegenen Krankenhäuser anschauen. Trotzdem ist die Begeisterung über das ausgepackte Essen bei Picknickern regelmäßig sehr groß. Vielleicht liegt es daran, dass die übermäßige Sauerstoffzufuhr menschlichen Gehirnen nicht gut tut, vielleicht aber auch nur am übermäßigen Alkoholkonsum - jedenfalls werden, kaum an der Location angekommen, voller Begeisterung gummiartige, mit gewellter Wurst belegte Baguettes verspeist, gemeinsam mit grün gekochten harten Eiern, kaltem, schon sehr lange totem Huhn und all den anderen ekligen Sachen, von denen man sich in der Kindheit eigentlich geschworen hatte, sie im Falle des hoffentlich baldigen Erwachsenwerdens nie mehr anzurühren.
Das Allerschlimmste am Picknicken aber ist wohl die mitgebrachte Gitarre. Mieser Fraß gepaart mit Cat Stevens-Klassikern - Menschen, die ihre Musikinstrumente an die frische Luft schleppen, sind in ihrer musikalischen Entwicklung grundsätzlich in den Mittsiebzigern stehen geblieben - das ist einfach zu viel. Das Leben ist schließlich kein Picknick.