Eine ordentliche Wohnungsbesichtigung fängt mit dem Lesen von Annoncen an - im Internet. Die Zeiten, in denen man sich an den Wochenenden frühmorgens aus dem Bett quälen und beim nächsten Zeitungshändler anstellen musste, während der Partner die benachbarte Telefonzelle besetzte, damit man schneller als die anderen Wohnungssuchenden den Vermieter anrufen konnte, sind vorbei.
Streng theoretisch ist die Wohnungssuche per Internet außerdem ganz einfach: Man wählt den bevorzugten Stadtteil aus, gibt an, wieviele Quadratmeter das neue Zuhause haben soll und wieviel es kosten darf, und schon kann man nach Herzenslust in den Anzeigen und den dazugehörigen Bildern stöbern. Wohnungen auf diese Art vorzubesichtigen, ist eine gute Idee oder wäre zumindest eine, wenn man wirklich auch die belangreichen Einzelheiten über die Räumlichkeiten erfahren würde.
Denn das durchschnittliche Wohnungsfoto zeigt einen blendend weiß gestrichenen leeren Raum, in dessen Mitte sich ein zumeist vorhangloses Fenster und ein Heizkörper befinden. Je nach Größe des angebotenen Domizils lernt man auf diese Weise zwischen zwei und vier Heizungsgerippe und Ausgucke kennen. Dazu kommen ebensoviele Aussichten auf Bäume im unterschiedlichen Jahreskreislauf, was zwar ein guter Anhaltspunkt dafür ist, wie lange die Behausung schon erfolglos angeboten wird, aber allerdings auf Dauer ein winziges bisschen ermüdend ist.
Hin und wieder wird jedoch vom strengen Darstellungsschema abgewichen, was beim Betrachter nicht etwa Freude über die optische Abwechslung, sondern einfach nur massive Irritationen auslöst. Wie im bislang rätselhaftesten Fall: Mitten im traditionellen Stilleben lag eine Leiter. Einfach so. Und nicht einmal eine besonders schöne, sondern eine, deren abgetretenen, farbbeklecksten Sprossen man die Mühsal eines langen Arbeitslebens deutlich ansah. Überdies bereiten die Annoncen den Suchenden nicht auf das vor, was ihn vor Ort dann tatsächlich erwartet. Das liegt zu großen Teilen an der übergroßen Liebe zum Euphemismus bei den Wohnungsanpreisern, die zum Beispiel dazu führt, dass ein von einem Grobmotoriker mit bedauerlicher Vorliebe für Holzarbeiten hergestelltes, vierschrötiges Geländer als "handgeschnitzte Treppe" angepriesen wird. Und die "hochwertige Auslegware" sich in schöner Regelmäßigkeit als muffig-plüschiger, schweinchenfarbener Teppich entpuppt, auf dem seit den frühen siebziger Jahren eine tonnenschwere Nachtspeicherheizung steht. Wohnungen zu besichtigen, bedeutet schließlich - das lernt man schnell - einen Crashkurs im Fach "Bodenbeläge im Wandel der Zeiten" zu erhalten. Bedauerlicherweise ist die Wohnhölle jedoch nicht nur mit weiß gestrichenen Wänden, handgeschnitzten Treppen und rötlichem Teppich ausgestattet, sondern eben auch mit Leuten.
Makler haben jedoch die Gabe des unabsoluten Gehörs entwickelt, das komplette Sätze einfach wegfiltert. Wie die Bemerkung, dass das, was in der Annonce mit den Worten "großzügig geschnittene Terrasse" angepriesen wurde, streng genommen ein schwimmbeckenblau kolorierter Balkon ist, der auf der Stelle die Assoziation "Sprungbrett" auslöst. Ist das Ding nun für ein Sprungbrett großzügig geschnitten oder etwa nicht?
Aber auch die Noch-Wohnungsinhaber neigen zur Lakonie. Ihr Job ist es nämlich im Großen und Ganzen, herumzustehen und sich sehr zu bemühen, große Begeisterung für die Klitsche vorzutäuschen, aus der sie, das Vorhandensein eines Nachmieters vorausgesetzt, nun endlich, endlich wieder ausziehen können. Strategisch so positioniert, dass sie die am schlimmsten knarrenden Fußbodenstellen abdecken, erzählen sie von toller Lage, toller Hausgemeinschaft, toller Aussicht und unterbrechen ihre Elogen nur dann kurz, wenn jemand auf einen wunden Punkt im Bodenbelag zusteuert.