Es gibt zeitlose Geschichten, die bei fast jedem bekannt sind. Kaum einer könnte sich heute noch eine Welt ohne Klassiker wie Star Wars, Herr der Ringe oder Micky Maus vorstellen. In eben diese Sparte zeitloser Geschichten lässt sich Spider-Man sicherlich spätestens seit dem internationalen Erfolg der eher mittelmäßigen Filmadaption einordnen.
Beschreibung: Doch schon etliche Jahrzehnte zuvor eroberte der Wandkrabbler die Welt im Sturm und erreichte eine Fangemeinde, die sich ohne weiteres mit der von Super- und Batman messen kann. Seinerzeit versuchte Stan Lee mit Spider-Man einen etwas neuartigen, fast schon experimentellen Typ von Superhelden einzuführen, denn wie alle Spinnenfans wissen, geht es bei ihrem Lieblingshelden nicht nur um große Abenteuer und viel Action, sondern vielmehr um menschliche Probleme, wie sie jeder von uns kennt. Natürlich war abzusehen, dass die ersten Videospiele zu einer derart erfolgreichen Comicserie nicht lange auf sich warten lassen, und so hüpfte "Die Spinne“ (so die damalige offizielle Übersetzung für den Titelnamen Spider-Man) schon zu seligen SNES- und Game Boy-Zeiten auf den Bildschirmen umher. Mit dem Spiel zum Spider-Man-Film betrat Activision dann eine ganz neue Dimension und erschuf eine Quasi-Simulation des Spinnenalltags, inklusive Häuserschluchten und Kleinganoven. Mit dem kürzlich erschienen Ableger der Spider-Man-Reihe, Ultimate Spider-Man, wollten die Entwickler allerdings noch eine ganze Packung drauflegen und den ultimativen Comic zum Spielen kreieren.
The ultimate comic experience
Vor allem für Kenner der klassischen Spider-Man-Geschichten ist es wichtig zu wissen, dass es sich bei Ultimate Spider-Man um eine Umsetzung aus dem Ultimate-Universum von Marvel handelt. In dieser Parallel-Dimension herrschen ähnliche Bedingungen wie im Original, das herkömmlichen Marvel-Universum, jedoch gibt es einige Begebenheiten, die sich unterscheiden. Der Grundgedanke hinter diesen Serien (das Ultimate-Universum ist z. B. auch Grundlage für die X-Men Legend-Games) war es, auch jungen Lesern einen Neueinstieg zu ermöglichen. Dieses Konzept wurde dann noch mit zeitgemäßerem Design und Hintergrundgeschichten angereichert und hat es auch hierzulande zu einer beträchtlichen Auflage gebracht.
Somit sollten sich Fans des Originals nicht wundern, dass Peter Parkers (so Spider-Mans wahre Identität) Vater in Ultimate Spider-Man ein mitverantwortlicher Forscher bei einem Projekt war, welches den berühmten Symbionten als Ergebnis hatte. Ein weiterer wichtiger Mann hinter diesem Projekt war niemand Geringerer als der Vater von Eddie Brock, welcher der Träger des Symbionten werden sollte und sich fortan Venom nennt. Diese Dreiecksbeziehung zwischen Spider-Man, Venom und dem Symbionten stellt quasi das Grundgerüst der Hintergrundgeschichte von Ultimate Spider-Man dar und wird durch weitere weltberühmte Helden und Schurken aus dem Hause Marvel angereichert. Während man als Spider-Man versucht den außer Kontrolle geratenen Venom aufzuhalten, wird man mit dem übermächtigen Rhino konfrontiert oder muss Wettrennen mit der Fackel (Fantastic Four) bestreiten. Venom hingegen befindet sich in Ultimate Spider-Man auf der Flucht vor der weltweiten Sicherheitsorganisation S.H.I.E.L.D und muss sich nebenbei auch noch mit Großkalibern wie Elektro oder Carnage auseinandersetzen. Spinnenfans bekommen jedenfalls einiges geboten und dürfen auch an einige Höhen und Tiefen aus Peter Parkers Leben teilhaben.
Schwing dein Ding
Veteranen von Spider-Man 2 (PS2, GC und Xbox) werden sich auch bei Ultimate Spider-Man schnell zurecht finden. Am grundlegenden Spielprinzip haben die Entwickler nämlich nicht allzu viel geändert. Immer noch schwingt ihr euch durch einen frei begehbaren Stadtteil von New York. Die Steuerung funktioniert dabei einwandfrei und ermöglicht so ziemlich alle möglichen Fortbewegungsmanöver des Spinnerrichs. Im Vergleich zum Vorgänger hat man hier die Komplexität des Schwungsystems leicht reduziert, um einen wesentlich einfacheren Einstieg zu ermöglichen. Dies ändert jedoch nichts an der unheimlich gefühlsechten und dabei physikalisch korrekten Art und Weise, wie man sich durch die Häuserschluchten von NY schwingen kann. Auch hier hat man im Vergleich zum Vorgänger etwas zurückgeschraubt: So sind die Gebäude um einiges kleiner ausgefallen, was aber zum vorherrschenden Comicstil jedoch sehr gut passt. Am Kampfsystem hätte Treyarch aber noch schrauben müssen, es ist lediglich erforderlich auf Schlag-, Tritt- und Sprungtaste einzuhämmern und gelegentlich in die Richtung eines Feindes zu lenken. Hin und wieder kann man die Gegner auch einwickeln, aber so richtige Spider Combos wurden leider komplett außen vor gelassen. Nicht selten wünscht man sich, seine Fäuste mit Netzen verstärken zu können oder einen kugelsicheren Schild zu spinnen.
Somit fallen die Kämpfe gegen das normale Gangstervolk auch nicht besonders berauschend aus. Vor allem weil diese meist nur dazu dienen, um das nächste Storyereignis einzuleiten. Damit wird man gezwungen zwischen allen wichtigen Punkten immer wieder drei Typen von Nebenmissionen zu erfüllen. Beim ersten handelt es sich um die bereits erwähnten Wettrennen mit der Fackel, dann gibt es da noch eine umfassende Prügelei mit Verbrechergruppen und zu guter Letzt noch ganz normale Heldentaten, wie das Zurückbringen von gestohlenen Handtaschen und das Retten von hilfsbedürftigen Menschen, die von einem Hochhaus zu fallen drohen (Was zum Teufel treiben die da oben?). Hat man diese lästigen Nebenaufgaben hinter sich gebracht, darf man sich dann wieder an der Story versuchen und wird dafür aber auch mit teils bombastisch inszenierten und spielerisch klasse umgesetzten Bosskämpfen belohnt. Man fühlt sich unweigerlich wie die flinke Spinne und reizt den Gegner nicht selten so sehr wie es Spidy selbst machen würde. Wenn einem die grausame Kameraführung hier nicht manchmal einen Strich durch die Rechnung machen würde, könnte man fast vom perfekten Spinnenspiel reden. Um das ganze Geschehen dann aber auch nicht zu einseitig zu gestallten, wird man hin und wieder auch dazu verdonnert eine ganze Reihe von Zivilisten unter Zeitdruck zu retten. Letztendlich ist eigentlich alles vorhanden, was man sich so unter einem typischen Spider-Man-Alltag vorstellen kann.
Hunger!!!
Neben der grafischen Gestaltung stellt wohl die Tatsache, dass man endlich auch einmal Venom spielen darf, den größten Kaufgrund für Fans dar. Leider kommt dieser nur sehr selten, an vorgegebenen Stellen, vor. Lediglich nach dem Beenden der Hauptstory darf jederzeit zwischen den beiden Charakteren gewechselt werden. Dafür fallen die Venom-Abschnitte umso spaßiger aus. Mit leicht abgeänderter Steuerung erlebt man eine wesentlich aggressivere Seite des Spiels. Venom kann zwar keine Netze schwingen, dafür springt er über die Häuser hinweg und kann sich an seinen Tentakeln entlang ziehen. Der größte Unterschied zu Spider-Man ist jedoch die gewaltige Power, die Venom zur Verfügung steht. Dafür muss er jedoch Geschwindigkeitseinbußen hinnehmen und damit klar kommen, dass das Kostüm kontinuierlich an seinen Kräften zehrt. Letzteres zwingt euch dazu in typischer Legacy of Kain-Manier für ständigen Nachschub an menschlichem Futter zu sorgen. Dieses kann entweder aus Gegnern, aber auch aus unschuldigen Passanten bestehen. Es fühlt sich wirklich bombastisch an mit Venom durch die Häuserschluchten zu springen und bei den gewaltigen Bosskämpfen mit Autos um sich zu werfen, während man Zivilisten verschreckt. Hier hätte die Entwickler zuschlagen und den Venom Part mindestens genauso umfangreich wie den von Spider-Man gestalten müssen.
ZACK! BOOOM!
Wie schon mehrfach angedeutet ist die optische Inszenierung von Spider-Man ein echter Hammer. Man könnte zwar die etwas schwachen Texturen, vor allem bei weiter entfernten Gebäuden, kritisieren, jedoch passen diese sich so gut in das Gesamtbild ein, dass sie kaum negativ auffallen. Die ganze Spiellänge über betrachtet man fasziniert die detaillierte Comicumgebung und ist jedes Mal überrascht wie realistisch der Comic-Schattenwurf auf Spidys und Venoms Kostüm gehalten ist. Auch die Animationen der Charaktere sind unglaublich gut gelungen und untermauern das dichte Spider-Man-Feeling noch zusätzlich. Weiterhin sind viele kleine grafische Details zu entdecken, welche einfach Spaß machen. So bleiben Netzreste an der Häuserwand kleben oder Venom hinterlässt beim Erklimmen von Wänden unübersehbare Klauenspuren. Dieser sehr positive grafische Eindruck wird von den überragenden Zwischensequenzen sogar noch weit überboten. Hier wird das Comic-Feeling perfektioniert, während die einzelnen Charaktere durch Comicpanels begleitet von ZACK, PENG und BOOM hüpfen. Da blüht das Herz eines jeden echten Comic-Fans auf.
Leider hat man die Professionalität der Grafikpracht nicht auf die musikalische Ebene übertragen können. Musik wird nur sehr spärlich eingesetzt und wiederholt sich meist. Soundeffekte sind eher als Standard zu bezeichnen, und im Gegensatz zu der gut gelungenen US-Synchronfassung sind die Stimmen der deutschen PAL-Version unter dem Durchschnitt anzusiedeln. Man benötigt schon viel Zeit, um sich halbwegs an die deutsche Sprachfassung zu gewöhnen, was bei der ansonsten kinoreifen Inszenierung wirklich bedauerlich ist.
Fazit: Schade Activision! Hätte man dem Spiel noch etwas Zeit gegeben, an der grausigen Kameraführung und dem viel zu geringen Umfang der Hauptstory gefeilt, dann wäre aus Ultimate Spider-Man ein echter Hit geworden. Würde man das Ganze dann noch um echte Spidy-Fähigkeiten, mehr Venom-Missionen und mehr Rollenspielanteile ergänzen, so könnte man sogar ein echtes Überhammerspiel schaffen, welches zweifelsohne als die perfekte Comic-Adaption bezeichnet werden könnte. Somit bleibt unterm Strich für alle Spider-Man- Fans ein unvergesslicher Ausflug in die Welt ihres Helden, der in Sachen Inszenierung die zweitklassigen Filme und sogar die verschiedenen Cartoonserien weit hinter sich lässt. Für alle, die nicht allzu viel mit dem Marvel-Universum anfangen können, ist das Spiel aber doch etwas zu unausgegoren und vor allem viel zu schnell zu Ende gebracht. Alle Fans sollten übrigens nach der wunderschön gestalteten Limited Edition Ausschau halten, welche noch um eine Bonus DVD mit jeder Menge Zusatzmaterial wie Making-ofs und einem schmucken Metallic-Schuber ergänzt wurde.