Sein neuer Roman "Die Memoiren des Rodrigues Faszanatas" ist gerade erschienen, und mit dem Album "I Brake Together" meldet er sich auch musikalisch wieder zurück. Olaf Neumann traf Helge Schneider bei einer Lesung in Essen.
stadtmagazin: Der Film "Mein Führer" könnte die Marke Helge Schneider auch international bekannt machen. Gefällt Ihnen der Gedanke? Schneider: Könnte sein, dass der Film auch im Ausland ankommt. Jedenfalls musste ich schon englische Interviews geben. Dabei habe ich tausendmal hintereinander "dangerous" gesagt, weil ich mich nicht besser ausdrücken konnte. Ich muss jetzt echt aufpassen, dass die Leute mich nicht total in die Hitler-Rolle pressen. Meine bisherigen Filme waren kleine Underground-Produktionen. Dadurch, dass ich die mit wenigen Mitteln gedreht habe, besitzen die eine sehr große Präsenz und sind eigentlich nicht als deutsche Spielfilme zu bezeichnen, sondern als internationale Kunstfilme. Auch wenn man das vielleicht in Deutschland nicht so sieht. Aber in Indien sieht man das zum Beispiel so.
stadtmagazin: Der Schauspieler Josef Bierbichler ist der Meinung, Hitler könne man nicht als normale Rolle spielen. Möglich ist nur eine Karikatur. Wie sehen Sie das? Schneider: Ich sehe die Rolle gar nicht als Parodie, so wie ich sie spiele. Das ist mehr oder weniger eine Charakterdarstellung. Ich gehe lieber heraus aus der Rolle und hinein ins normale Leben. Für mich war es ein großer Anreiz, einmal eine Figur zu spielen, die ich nicht selber erfunden habe. Eigentlich habe ich damit gar nichts Besonderes angestellt. Ich habe einfach gesagt, ich bin das jetzt. Wie Kinder das im Kindertheater tun. Als ich sieben war, musste ich in der Schule einmal "Die Straße" sein. Ich trug einen Sack und eine Mütze, die mir Tante Erna genäht hatte. Da waren Pflastersteine draufgemalt. Mein einziger Text war: "Ich bin die Straße. Auf mir fahren Straßenbahnen und Pferdekarren". Darüber war ich sehr enttäuscht, denn der, der den Bleistift spielen durfte, hatte ein bisschen mehr zu tun. Der Adolf Hitler in dem Film von Dani Levy war so, als hätte ich einen Bleistift gespielt.
stadtmagazin: Glauben Sie, dass man das Böse jemals authentisch darstellen kann? Schneider: Man kann das personifizierte Böse durchaus spielen. Man muss wissen, dass es in jedem Menschen irgendwo begraben ist. Bei vielen nur in der Fantasie, bei manchen aber auch im täglichen Leben.
stadtmagazin: Gab Dani Levy Ihnen die Rolle, weil Sie als Spaßmacher eine andere Herangehensweise an die Figur des Adolf Hitler haben? Schneider: Ich glaube, er hat die Rolle mir gegeben, weil ich Musiker bin und weil er dachte, ich könnte das mit meinem Rhythmusgefühl gut spielen. Mein Timing ist in jahrzehntelangen Ausdauerübungen erprobt worden. Das ist einfach da, niemand kann das beeinflussen. Nicht mal ich selber.
stadtmagazin: Ist Adolf Hitler Ihre bisher schwerste Rolle? Schneider: Es war bis jetzt die einfachste. Weil die Figur so dicht an uns dran ist. Die kennen wir aus dem Fernsehen. Außerdem habe ich Bücher gelesen aus dieser und über diese Zeit. Ich weiß, wie die Menschen damals gelebt und gesprochen haben und welche Ideale sie hatten. Ich weiß, wie der Hitler sich da als Nummer Eins hingestellt hat. Ich will ihn mit niemandem vergleichen, aber dieses egozentrische Denken trifft man heute überall an. Allerdings nicht in diesem unglaublichen Ausmaß. Der dachte, wenn er ganz viele andere umbringt, wäre er ein guter Mensch für diejenigen, die übrig bleiben. Der Typ hatte einfach einen Knall.
stadtmagazin: Harald Schmidt macht keine Witze über den Islam. Gibt es auch bei Ihnen Tabus? Schneider: Ich glaube, Schmidt hat das nicht aus Angst gesagt. Er wollte damit ein Statement abgeben: Wer Islam-Witze macht, kriegt Ärger! Ich selbst mache weder Witze über Juden noch Christen, Mormonen oder Hindus. Das interessiert mich alles gar nicht. Ich bin nämlich dereligionisiert. Das habe ich selbst erledigt.
stadtmagazin: Niemals Mitglied einer Kirche gewesen? Schneider: Doch. Als ich neun, zehn Jahre alt war, wollte ich gern was Heiliges machen. Deshalb fing ich an, im Kirchenorchester Cello zu spielen. Gleichzeitig hatte ich eine Aversion gegen alles, das einen vereinnahmen will. Kirche ist in der Tat eine große Angstmache; egal, in welcher Religion. Meine Oma stand immer an ihrem alten Herd und kochte Suppe. Das war ihre Religion. Die ist nie in die Kirche gegangen, weil sie die Kirche gehasst hat. Auch mein Vater hatte damit nichts zu tun. Zur Taufe meine Schwester ist er trotzdem hingegangen. Aber niemals ohne sein Sitzkissen. Ich selber sollte bei meiner Konfirmation ein Gedicht aufsagen. Doch ich stand da nur rum und lachte.
stadtmagazin: Alles, was Sie machen, hat viel mit Freiheit zu tun: Der Unsinn, der Jazz, die Spontaneität. Wie kommt die zustande? Schneider: Das hat etwas zu tun mit meiner Geburt und meinem Werdegang. Die Freiheit, die man sich als kreativer Mensch immer wieder greifen muss, ist bei mir in allen Bereichen sehr stark ausgeprägt. Am stärksten auf der Bühne, wo ich fast die meiste Zeit meines Lebens verbringe. Auch wenn ich nicht auftrete, bin ich manchmal auf der Bühne. Für Freiheit brauche ich Ordnung. Auf dieser Basis kann ich frei fabulieren. Deshalb könnte ich auch keinen Freejazz machen.
Helge Schneider im Dreierpack:
"Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" - Kinostart: 11. Januar
Helge Schneider - "I Brake Together" (CD erscheint am 19. Januar bei EMI)
Helge Schneider – Die Memoiren des Rodriguez Faszanatas (Roman, Kiepenheuer & Witsch, 128 S., €6.95).