Stadtmagazin: Mit der Rateshow "Pssst…" waren Sie bereits von 1991 bis 1995 in allen dritten Programmen auf Sendung. Warum lassen Sie die jetzt wieder aufleben? Harald Schmidt: Warum nicht? Das war ein lustiges Format. In die Sendung kommen Leute mit einem Geheimnis in der Größenordnung: "Ich habe vier Ohren" oder "Meine Füße gehen nach hinten". Das Geheimnis wird für die Zuschauer eingeblendet, und die Rateteams müssen es dann rauskriegen. Das Ganze lebt davon, dass man es nicht so ganz ernst nimmt.
Stadtmagazin: Die öffentlich-rechtlichen Medienschaffenden sind eher mutlos, wenn es darum geht, etwas wirklich Neues zu schaffen. Ist das eine berechtigte Kritik? Schmidt: Das ist ein Klischee. Zurzeit ist es ein bisschen schick, auf die ARD einzudreschen. Das hat aber nichts mit der Praxis zu tun. Ich wüsste auch gar nicht, was etwas gänzliche Neues sein soll. Es gibt ja schon alles. Sagen Sie mal, was in den letzten Jahren Neues gekommen ist, außer "Wer wird Millionär"?
Stadtmagazin: Bei "Pssst…" sitzen Promis wie Charlotte Roche, Herbert Feuerstein, Manuel Andrack, Oliver Pocher, Anette Frier und Ingolf Lück im Rateteam. Die waren alle auch schon in Ihrer Late Night Show. Ist das Repertoire an interessanten Gästen irgendwann ausgeschöpft? Schmidt: Die haben wir eingeladen, weil wir wissen, dass sie witzig und schlagfertig sind. Die Guten kommen immer wieder. Manche waren schon zwölf Mal da. Wir brauchen ja nicht mehr so viele Gäste wie früher, weil wir ja nur noch zweimal in der Woche Sendung machen.
Stadtmagazin: Harald Schmidts Wandlung von Dirty Harry zu Everybody’s Darling – ist das eine unausweichliche Entwicklung, wenn man sich in Ihrem Geschäft behaupten will? Schmidt: Das kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Ich habe mich weder als Dirty Harry empfunden noch als Everybody’s Darling. Das wird ja nur von außen so gesehen. Mit so was beschäftige ich mich gar nicht. Ich mache einfach meine Sendung und sehe dann, wie es ankommt.
Stadtmagazin: Mit welchem Gefühl schauen Sie Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar? Schmidt: Das gucke ich überhaupt nicht. Aber nicht aus Protest. Es interessiert mich einfach nicht. Aber ich finde es prima, dass es so ein Erfolg ist.
Stadtmagazin: Medienwächter werfen Dieter Bohlen menschenverachtendes Verhalten vor. Wären Sie in diesem Fall ein Verfechter der Zensur? Schmidt: Das ist eine wahnsinnig theoretische und komplizierte Frage. Das ist viel zu anstrengend für mich, so eine Frage zu beantworten.
Stadtmagazin: Würden Sie Ihre Kinder an einer Castingshow teilnehmen lassen? Schmidt: Ich würde versuchen, es zu verhindern. Aber Kinder sind natürlich freie Menschen und ab einem gewissen Grad hat man da eh keinen Einfluss mehr. Ich habe keine Ahnung, was die so gucken. Ich bin nie zuhause. Ich bin ja nur in der Südsee unterwegs und ansonsten mit der Vorbereitung von Shows beschäftigt.
Stadtmagazin: Junge Leute nutzen das Internet häufiger als das Fernsehen. Teilen Sie die Faszination für dieses Medium? Schmidt: Ja, das finde ich toll.
Stadtmagazin: Wofür nutzen Sie das Internet? Schmidt: Einfach nur, um mal reinzugucken. Oder ich schaue, wie der Zustand meines Vertrags ist. Ich sehe mir auch gerne Tierfotos im Internet an.
Stadtmagazin: Vor allem die jüngeren Leute haben eine stärkere emotionalere Beziehung zu den Privaten. Werden ARD und ZDF den Vorsprung jemals aufholen? Schmidt: Wozu? Deutschland ist alt und wird immer älter. Wenn da unten ein Publikum sitzt, stelle ich mir solche Fragen gar nicht. Ich habe auch keinen Reformvorschlag. Ich will, dass alles so bleibt wie es ist.
Stadtmagazin: Was verdanken wir dem Privatfernsehen? Schmidt: Es ist eine gewisse Frechheit eingekehrt im Fernsehen, die es vorher nicht gegeben hat. Ich persönlich verdanke dem Privatsender Sat.1 die Etablierung einer Late Night Show in Deutschland. Das war sicher zu dem Zeitpunkt bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht möglich.
Stadtmagazin: Am 18. August werden Sie 50. Die ARD veranstaltet Ihnen zu Ehren eine große Geburtstagsgala. Was erwarten Sie da? Schmidt: Die Hölle. Das wird keine Show, sondern ein Redakteur schnipselt aus den letzten 18 Jahren eine Hommage an mich zusammen, an der ich aber nicht selbst beteiligt bin. Ich finde es ganz grässlich, dass so etwas gemacht wird. Aber ich kann mich nicht dagegen wehren.
Stadtmagazin: Wenn Sie Ihre Karriere Revue passieren lassen, welches Ereignis kommt Ihnen dann besonders ins Gedächtnis? Schmidt: Schwer zu sagen. Vieles habe ich auch schon vergessen. Wenn eine Sendung aufgezeichnet ist, bin ich damit durch und denke da gar nicht mehr drüber nach. Vielleicht der Beginn der Late Night Show, das Ende von "Verstehen Sie Spaß" oder mittlere Phase von "MAZ ab!". Lassen Sie es mich so formulieren: Meine Zeit beim Fernsehen ist ein durchgehendes Highlight. Heute macht es mir sogar noch mehr Spaß, weil eine andere menschliche Reife dazu gekommen ist und weil ich meine Arbeit mit einer noch größeren Tiefe mache.
Stadtmagazin: Bei "Schmidteinander" bildeten Sie und Herbert Feuerstein ein Traumpaar. Ließe sich das wiederholen? Schmidt: Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Man wird älter, das Fernsehen verändert sich, das Leben insgesamt verändert sich. So was kann man nicht wieder aufleben lassen. "Schmidteinander" lebte von der Phase, in der Feuerstein und ich uns damals befunden haben.
Stadtmagazin: Und wie sieht es mit einer Neuauflage des "Beckenbauer"-Interviews mit Olli Dittrich aus? Schmidt: Mit Beckenbauer nicht. Aber wenn sich da mal etwas mit einer anderen Figur ergibt, machen wir das gerne wieder. Das muss aber eine Figur sein, die Olli so perfekt spielen kann wie Beckenbauer. Das war ja alles vom ihm improvisiert.
Stadtmagazin: Was unterhält den Unterhaltungskünstler Harald Schmidt? Schmidt: Alles. Ich bin viel mit Leuten zusammen unterwegs und bekomme sehr viel erzählt. Ich bin oft überrascht über Lebensbeichten, die abgelegt werden.
Stadtmagazin: Welche Themen werden im Fernsehen zu wenig behandelt? Schmidt: Mir vollkommen wurscht, was im Fernsehen behandelt wird. Ich sehe, was kommt und das interessiert mich oder nicht. Gleichgültig zu sein ist eine wichtige Voraussetzung, um in Zeiten der Globalisierung gewappnet zu sein. Ich bin ein großer Zapper. Ich sehe wahnsinnig gerne Lokalfernsehen mit Schwerpunkten wie "Unbeschränkter Bahnübergang" und "Streichelzoo". Unterhaltungssendungen als solche gucke ich mir nicht so an, dafür aber Ratgebersendungen und Gesundheitsmagazine. Die Qualität ist, etwas zu entdecken, was auf den ersten Blick gar nicht komisch ist.
Stadtmagazin: Was bereitet Ihnen schlaflose Nächte? Schmidt: Nichts. Weil ich diese Mischung aus Katholizismus und Buddhismus mit einem Schuss Laotse in mir vereine. Da kriegt man diese Gelassenheit: Immer, wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein neuer Fragensteller her.
Stadtmagazin: Die Deutschen gelten als zu rigoros, zu ernst, zu wenig entspannt. Wie sehen Sie das? Schmidt: Ich bin ja nicht "die Deutschen". Ich bin nur einer von Deutschlands Besten.
Stadtmagazin: Sie haben jetzt auch eine Rolle in der ARD-Reihe "Traumschiff" übernommen. Die Folge soll Neujahr 2008 gezeigt werden. Wie war das? Schmidt: Das "Traumschiff" habe ich als absolut großartig empfunden. Ich spiele da eine ganz normale Rolle. Auch die Strecke von Kuba bis Chile war phantastisch. Da passte einfach alles. Für mich ist jede schauspielerische Rolle eine Herausforderung, weil ich nicht so routiniert bin. Das würde ich sofort wieder machen.
Harald Schmidt
Geboren am 18. August 1957 in Neu-Ulm als erster Sohn des Verwaltungsangestellten Anton Schmidt und der Kindergärtnerin Martha Schmidt. 1981 erstes Engagement als Schauspieler an den Städtischen Bühnen Augsburg. Noch unter Anleitung der legendären Lore Lorentz begann er 1984 seine kabarettistische Laufbahn am Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Ab 1985 ging er mit wechselnden Soloprogrammen auf Tournee. Mit "Verstehen Sie Spaß?" bekam Harald Schmidt 1992 in der ARD seine erste große Fernsehshow. Parallel dazu moderierte er gemeinsam mit Herbert Feuerstein "Schmidteinander". 1995 holt ihn Sat1. für die "Harald Schmidt Show" zu sich. Nach einer kreativen Pause wechselte er 2005 zur ARD, wo er seitdem die Late Night Show "Harald Schmidt" moderiert. Der mit allen wichtigen Fernsehpreisen ausgezeichnete Moderator, Entertainer und Schauspieler ist seit 1993 mit Ellen Hantzsch liiert. Das Paar lebt mit den beiden gemeinsamen Kindern Nele und Peter in Köln-Marienburg.