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Mittwoch, 07. Juni 2006 12:19
Klinsmann hat wenig echte Klasse zur Verfügung

Hans Meyer, derzeit erfolgreicher Trainer in Diensten des 1. FC Nürnberg, gab der deutschen Fußballdiskussionskultur die Ehre zurück. Statt stereotyper Sprücheklopferei bedient Meyer seine inzwischen üppige Fan-Gemeinde mit bodenständigen Weisheiten, ironischen Seitenhieben und intelligenten Statements. Bernhard Kütter sprach mit ihm über die Weltmeisterschaft.


stadtmagazin: Wird wie im Champions-League-Finale bei der WM auch der schönste Fußball siegen?
Hans Meyer: Da müsste man weiter zurückgehen. Es ist nicht so, dass eine Tendenz dahingehend zu erkennen ist. Bei der letzten EM hat sich Griechenland mit seinen taktischen Fähigkeiten durchgesetzt. Trotzdem besaß die EM in Portugal ein sehr gutes fußballerisches Gehalt.

stadtmagazin: Ist denn schöner und erfolgreicher Fußball bis auf wenige Ausnahmen – siehe FC Barcelona - eine Illusion?
Meyer: Das Ziel im Fußball ist nie, attraktiv zu spielen. Dazu gehört genauso Spannung, rassige Zweikämpfe, eben männlicher Fußball. Und natürlich auch Kreativität. Bei Barca gegen Arsenal haben doch die einen nicht immer nur schön, die anderen immer nur taktisch gespielt. Thierry Henry hat auch genügend Klasse. Schnell laufen und hoch springen ist es auf diesem Niveau nicht genug. Das ist nur Beiwerk.

stadtmagazin: Also braucht man die richtige Mischung zwischen Ergebnisorientierung und Erlebnisfußball?
Meyer: Noch einmal, beim Fußball geht’s nicht um Attraktivität, es geht um's Ergebnis. Klasse Mannschaften schaffen dies auch auf attraktive Weise. Aber Ball-Zirkulation und Direktspiel sind kein Selbstzweck, sondern Voraussetzungen um zu gewinnen. Holland hat man lange vorgeworfen, in Schönheit zu sterben. Aber diese Zeit ist längst passé. Auch für die afrikanischen Mannschaften, denen man ähnliches nachsagte. Wenn man sieht, wie heute etwa die Elfenbeinküste besetzt ist. Wir haben zwar einen Klose, aber ich glaube wir wären verdammt froh, wenn wir einen wie Drogba in unseren Reihen hätten.

stadtmagazin: Wie steht die deutsche Elf denn im Vergleich da?
Meyer: Wir sind individuell weg von der Weltspitze. Wie weit, will ich nicht diskutieren. Aber wir haben den Heimvorteil, das Publikum im Rücken, sind körperlich gut dabei, sind hoch motiviert, taktisch diszipliniert, damit können wir eine ordentliche Leistung bieten. Der Einzug unter die letzten Vier wäre phantastisch. Daran zu scheitern, nur unter die letzten Acht zu kommen, dafür aber ein tolles Turnier, mit einer hervorragenden Stimmung und Organisation, ein Riesen-Fest eben hinzubekommen, wäre doch auch eine klasse Sache. Wir sollten aufhören darüber zu diskutieren: Werden wir Weltmeister?

stadtmagazin: Wieviel an fehlender Klasse kann man mit Teamgeist ausgleichen?
Meyer: Wenn du mit dem Fahrrad über die Pyrenäen fahren musst und bist mehr als zehn Minuten hinter dem Feld, kann dir nur noch der liebe Gott helfen. Aber schon beim Doppel im Tennis beginnt`s. Dein Partner hilft dir. Mit Teamgeist, taktischer Umsetzung kannst du dir Vorteile erarbeiten gegenüber anderen Mannschaften, die dort nicht so weit sind. Aber schau dir Barcelona an: Die haben Weltklasseleute, aber spielen so harmonisch. Schau dir an, wie Etoò, Deco oder Ronaldinho arbeiten; was sie tun, wenn der Ball weg ist. Auf der Ebene musst du eine eingeschworene Mannschaft sein und Klasse besitzen.

stadtmagazin: Wer ist denn Ihr persönlicher Favorit?
Meyer: Das ist nicht so klar wie vor vier Jahren. Da war es Argentinien. Das war die beste Mannschaft des Jahres 2002. Aber eben nicht im Juni / Juli. Ich sage diesmal, was alle sagen: Brasilien. Fußballerisch sind die erste Sahne.

stadtmagazin: Wie hart muss denn noch gearbeitet werden?
Meyer: Viele kommen aus einer sehr anstrengenden Saison. Da müssen sie sich ein wenig erholen, vom Kopf her vom Fußball auch mal wegkommen. Die Grundlagenausdauer ist da. Du musst dich jetzt nur noch um die Feinheiten kümmern. Bei den Verletzten und Rekonvaleszenten ist das natürlich anders. Die benötigen ein individuelles Programm.

stadtmagazin: Apropos: Es scheint ein Weltuntergang zu sein, wenn Phillip Lahm sich verletzt hat. Ist Marcell Jansen so viel schlechter?
Meyer: Dieses Theater machen doch nur die Medien. Aber doch nicht Jürgen Klinsmann. Wenn Ballack oder Klose sich verletzen, lohnt es sich zu jammern. Aber das passt: Wir diskutieren zwei Jahre lang darüber, ob Lehmann oder Kahn der Bessere ist. Die ganze Welt lacht uns doch aus!

stadtmagazin: Hat sich in den vier Jahren seit der letzten WM viel getan bei der DFB-Elf?
Meyer: Nein, das geht nicht von heute auf morgen. Die Mannschaft ist ein wenig jünger geworden. Ob sich das schon auswirkt durch größere Fitness oder besserer Coachbarkeit wird man sehen. Auf den wichtigen, kreativen Positionen hat sich nicht viel getan. Da ist noch immer Bernd Schneider, von dem man aber nicht weiß, ob er inzwischen nicht zu alt ist. Ein Bastian Schweinsteiger sitzt bei den Bayern oft auf der Bank. Ob er nun den großen Durchbruch schafft? Es wäre zu wünschen. Aber sonst ... Jürgen Klinsmann ist nicht zu beneiden. Er hat nur wenig echte Klasse und kaum Alternativen.


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