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Dienstag, 30. August 2005 16:16
Knarzendes Pop-Bombardement

Als der gebürtige Heidelberger Marco Haas alias T.Raumschmiere einst nach Berlin zog, kannte er nicht viel von elektronischer Musik.


Was er aber genau kannte, war harter Punkrock, denn solchen hatte er jahrelang mit einer Band gespielt.Leider nie zu seiner vollsten Zufriedenheit, was ihn wiederum zur elektronischen Musik brachte. Unverfroren schraubte der Mann, der sich den Slogan ”Stay Anti” zur Lebensmaxime gemacht hat, an seinen Maschinen und holte aus ihnen eine Variante von knarzendem Techno heraus, die gerne zum Genre des Elektroclash gezählt wird. Aber eigentlich war es immer eher Techno, der mit schroffem Punkrock tanzte. Sein zweites Album ”Radio Blackout” macht ihn dann 2003 international berühmt. Zum Einen, weil es auf dem renommierten Label Mute erschien, zum anderen, weil Marco Haas ungemein schweißtreibende, elektronische Livesets spielte, bei denen er sich hinter seinem Gerätepark oft bis zur totalen Erschöpfung verausgabte und in die Herzen der sich nach Authentizität sehnenden Clubmusikszene spielte. Nun kehrt der Chef des Berliner Labels Shitkatapult mit ”Blitzkrieg Pop” zurück und macht schon im Titel klar, das es ihm zwar immer noch um Härte geht, aber so, dass auch mehr Menschen zu seinem Sound moschen können. Michael Leuffen wollte mehr über seinen Drahtseilakt in Sachen Anti-Pop erfahren und traf den ”King of Knarz” zu einem Vier-Augen-Gespräch in einem Kölner Hotel.

Stadtmagazin: Seit kurzem spielst du live nicht mehr allein, sondern mit Band. Ist T.Raumschmiere kein Soloact mehr?

T.Raumschmiere: Doch, nur live nicht. Ich wollte nicht mehr nur allein abrocken und auch nicht mehr allein durch die Welt gondeln. Aber die Musik mache ich nach wie vor alleine. Deshalb habe ich ja mit elektronischer Musik angefangen. Ich produziere meine Stücke und gebe sie seit Neuestem meiner Band, damit sie diese nachspielen kann. Deshalb habe ich meine neue Platte auch nicht mehr so vertrackt eingespielt. Sie ist bewußt nicht auf Soloshow programmiert. Ich wollte eine neue Form von Liveenergie. Selbst wenn ich noch fünf Jahre erfolgreich solo gerockt hätte, wäre ich für meine Ansprüche nicht weiter gekommen.

Stadtmagazin: Kamen deshalb auch die im Vergleich zum letzten Album vermehrt zu hörenden Stimmen zustande.

T.Raumschmiere: Nein, ich mochte Gesang immer schon, und auch auf dem letzten Album wurde schon viel gesungen, nur eben anders. Zudem war alles auch nicht so groß überlegt. Mit Quasimoto Jones und Judith Juillerat bin ich zusammen gekommen, da sie Künstler auf meinem Label Shitkatapult sind. Ellen Allien ist eine Freundin, und Sandra Nasic kenne ich auch eher privat. Dass ich selbst singe, ist eher ungewöhnlich. Aber auch das ist spontan entstanden. Ich bin einfach morgens um 5 Uhr ins Studio gegangen und habe die zwei Songs, auf denen ich singe, eingebrüllt.

Stadtmagazin: Auch die Songs sind sehr kompakt auf den Punkt gebracht. Möchtest du publikumswirksamer sein?

T.Raumschmiere: Die Idee war, ein kurzes und knackiges Album zu machen, das mitten ins Herz trifft. Deshalb auch der Titel ”Blitzkrieg Pop”. Zudem sollte es auch im Radio gespielt werden. Denn dann sind meine kranken Sounds auch mal anderswo zu hören, als nur in Szeneclubs. Ich wollte Stücke machen, die nicht nur von denen gekauft werden, die ohnehin auf meine Musik stehen. Ich möchte in allen Ecken neue Fans gewinnen, deshalb steht auch “Pop” auf der Platte.

Stadtmagazin: Aber Pop, der Erwartungen erfüllt und gleichzeitig mit ihnen bricht!

T.Raumschmiere: Natürlich, ganz so einfach soll es ja auch nicht sein. Ich bin, was das Produzieren angeht, ein totaler Perfektionist. Jeder Knackser auf der Platte ist genau da, wo ich ihn haben wollte. Ich habe sechzehn Monate an der Platte gearbeitet und war zwischendurch sehr verzweifelt. Oft produziere ich Stücke und lasse sie erst mal zwei Monate liegen. Wenn ich sie dann wieder höre, merke ich sofort, was paßt und was nicht.

Stadtmagazin: Möchtest du dich eigentlich als politischer Künstler verstanden wissen?

T:Raumschmiere: Ich kann nicht sagen, dass ich große, politische Musik mache. Aber ich mache Musik, die versucht, authentisch zu sein. Das war ja das, was mich am Techno immer gestört hat. Die ganze Spaßgeneration Mitte bis Ende der Neunziger Jahre wollte doch nur Party machen und Ecstasy einwerfen.

Stadtmagazin: Sind deshalb deine Shows so schweißtreibend?

T.Raumschmiere: Natürlich! Mir war immer wichtig, besonders als Solo-Laptop-Künstler, einen wilden Entertaiment Aspekt einzubringen. Nur hinter dem Laptop hocken und E-Mails checken war nichts für mich.

Stadtmagazin: Bist du denn als Familienvater heute ruhiger geworden?

T.Raumschmiere: Nein, eher noch wütender. Ich weiß ja jetzt, dass es jemanden gibt, der in dieser sehr ungerechten, scheinheiligen Welt wahrscheinlich noch da ist, wenn ich nicht mehr da bin. Und wenn ich sehe, was so alles in der Welt passiert, dann kann ich ja nur noch wütender werden.

Das vollständige Interview könnt Ihr unter nachlesen.
Akt. CD: T.Raumschmiere: Blitzkrieg Pop (Novamute/Emi)

T.Raumschmiere & Band live im Rahmen des Intro Intim: 15.9., Köln, Gebäude 9, 21 Uhr.

BU: Blitzkrieg-Popper, “King of Knarz” und Mister Anti: T.Raumschmiere in seinem Element.


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