Das ist wahrscheinlich auch gut so. Allerdings ist die Sehnsucht nach Widerspruch so ausgeprägt wie lange nicht mehr.
Die Jahre, in denen political correctness die Widersprüche des Systems zu verwischen vermochte, scheinen vorbei.
Einen wichtigen Bestandteil des Soundtracks zu diesem neuen Aufbegehren könnte Axel Bosse liefern. Suggeriert der Name schon Leadership, so ist die Musik des 25-jährigen Berliners wirklich Chef – einer für 60 Millionen Ohren, möchte man wünschen!
Als sich vor drei Jahren seine erste Band nach einigen zumeist erfolglosen Jahren auflöst, beschließt Bosse, dass es Zeit ist für einen radikalen Neuanfang. Ein Soloprojekt, deutsche statt englischer Texte. Und möglichst nicht klingen wie die vielen anderen neuerdings so angesagten Deutschsprachler.
Mit anderen Worten: Bosse macht es sich extraschwer, obwohl er erstmal in Valencia den Kopf frei zu kriegen versucht. Und so reift unter spanischer Sonne etwas heran, das noch echter wird als Dittmeyers Valensina – das nun vorliegende Debütalbum “Kamikazeherz” ist die Frucht von Bosses Bemühungen.
In Köln nimmt er bald darauf ein Dutzend Songs auf ohne Plattendeal, ohne Druck und ohne konkrete Vorstellung, was daraus werden könnte, aber mit Vitamin B. Uncle Ho und Heyday sind die Band, Bosse liefert die Songs und den Gesang und Wolfgang Stach, einer der renommiertesten Produzenten hierzulande, das technische Know How. Es geht alles ganz locker, ganz schnell und macht vor allem Spaß.
Marsch durch die Institutionen
Was dann folgt, ist der gar nicht mal so lange Marsch durch die Pop-Institutionen, der ein wenig wie der von Wir sind Helden abläuft.
“Kraft”, die erste Single, die zunächst im Eigenvertrieb erscheint, schafft es auf die Playlists von 1 Live, Fritz und weiteren Jugendsendern. Denn der Song klingt nach Idealismus, zeugt vom Willen zu Aufruhr und Rebellion:
“Für immer bleib ich hier und kämpfe / Und diese Hoffnung wird nie krank / Gebe alles was ich hab’ / Um das zu bauen was ich mag / Das mich begeistern kann / Das was verändern wird”
Und in der Tat ist “Kraft” so kraftvoll, das es auf viele offene und begeisterte Ohren stößt. Plötzlich buhlen die Plattenlabels um den Newcomer. Bosse entscheidet sich für Capitol, bald ist der Majordeal perfekt. Die erste Veröffentlichung ist die Neuauflage von “Kraft”. Dann geht es auf Tour mit seinen Freunden von Such A Surge. Zwar nur im Vorprogramm, aber Bosse kommt an und genießt das Bandfeeling.
Polaroids einer durchgeknallten Welt
Jetzt steht “Kamikazeherz” in den Läden, Bosses Debütalbum (s. CD-Tipp im Juni) – ein absolut unzweideutiger Titel. Eindeutig ist es kein gewöhnliches deutschsprachiges Rockalbum.
Explosive Rocker wie “Keine Panik!” und “Explodiert” stehen neben Hymnen wie “Kamikazeherz”; Balladen wie “Niemand vermisst uns” runden das eckige Bild ab. Bosse schreckt nicht davor zurück, sich auf Peter Hein von den Fehlfarben zu beziehen. Dessen “Knietief im Dispo” taucht in “Novemberregen”, einem knapp 12-minütigen Duett mit Paula-Sängerin Elke Brauweiler, auf.
In einigen Momenten klingt er ein wenig wie Rio Reiser zu Ton Steine Scherben-Zeiten und liefert poetische Bestandsaufnahmen der Jetztzeit, was nicht heißen soll, dass er die Sachen schönt.
Im Gegenteil. Seine Texte sind Momentaufnahmen. Privates und Politisches, schnell festgehalten, scharf fokussiert - Polaroids einer durchgeknallten Welt.