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Donnerstag, 29. Juni 2006 13:50
Vier Wochen Quarantäne

Gerhard Delling begleitet die ARD-Zuschauer durch die Fußballweltmeisterschaft. Schon jetzt träumt er von einem Finale zwischen Deutschland und Brasilien. Dann würde er sich sogar mit seinem Partner Günter Netzer duzen. Olaf Neumann traf den Moderator in Hamburg


stadtmagazin: Wie haben Sie sich auf die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland vorbereitet?
Gerhard Delling: Damit haben meine Kollegen und ich schon vor zwei Jahren begonnen. Ich habe mir zum Beispiel Spiele angeschaut, die ich mir normalerweise nicht anschauen würde. Aus journalistischer Sicht ganz entscheidend sind die Details kurz vor und während der Weltmeisterschaft. Eine gigantische Flut von Informationen rollt auf uns zu. Da muss man sehr genau sondieren und auswählen. Durch die Struktur der ARD haben wir glücklicherweise Zugriff auf alle Redaktionen von Wirtschaft bis Boulevard. Das wird ein Rund-um-die-Uhr-Ereignis. Am Ende werden wir alle auf fröhliche Weise kaputt sein.

stadtmagazin: Wenn Franz Beckenbauer den Bundesaußenminister Steinmeier trifft, begrüßt er ihn schon mal mit: "Hallo, Herr Kollege!" Fühlen sich die Deutschen von Fußballern besser repräsentiert als von Politikern?
Delling: Das rührt natürlich daher, dass Franz Beckenbauer eine unglaubliche Reiseroute hinter sich gebracht hat. Der ist tatsächlich in jedes Land gefahren und hat überall Hände geschüttelt. Insofern war er mindestens so etwas wie ein Botschafter Deutschlands. Aber auch als Außenminister wäre er vielleicht sogar tauglich gewesen.

stadtmagazin: Glauben Sie, dass das so genannte "Wunder von Bern" noch eine Bedeutung für die heutige Zeit hat?
Delling: Die besonderen Geschichten, die der Sport schreibt, die Superkarrieren und großen Überraschungen, sind immer noch möglich. Manchmal funktioniert es schon allein durch den Glauben an den Sieg. In der "normalen" Welt wird das allerdings immer seltener.

stadtmagazin: Man sagt, die neue Spielergeneration ist weniger bereit sich zu quälen. Wie denken Sie darüber?
Delling: Das kann man nicht auf die ganze Spielergeneration übertragen. Sicher haben Deutsche, denen es größtenteils gut geht, nicht denselben Ansatz wie jemand aus einem Slum, der Fußball als einzige Chance sieht, sich nach oben zu arbeiten. Ich denke aber, diejenigen, die hierzulande groß herauskommen wollen, werden sich genauso quälen wie alle anderen auch. Nur muss man denen erstmal die Chance geben. Es ist halt einfach, einen gut ausgebildeten Spieler aus der Ukraine zu holen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir schon 2010 über eine ganz andere Mannschaft sprechen werden, weil wir dann über ein größeres Potential verfügen werden. Eine Entwicklung, die stehen bleibt, wäre fürchterlich. Alle waren sich einig, dass viele Jahre Schindluder getrieben wurde. Das wirklich gute an Klinsmann ist, neue Ideen hineingebracht zu haben. Ob man die in wenigen Monaten umsetzen muss, ist wieder eine andere Frage.

stadtmagazin: Auf welche Begegnung freuen Sie sich am meisten?
Delling: Ich wünsche mir ein Finale Deutschland gegen Brasilien. Das wäre wirklich ein kleiner Traum. Wenn unsere Mannschaft spielt, bin ich ehrlich gesagt nie objektiv. Dazu stehe ich auch. Was wäre das für eine Euphorie in Deutschland! In diesem Fall würde ich schon um 0 Uhr mit der Vorberichterstattung beginnen. Sollte das klappen, werde ich sogar Günter Netzer gnadenlos duzen. Wir werden uns Freude trunken um den Hals fallen und einfach kleine Jungs sein.

stadtmagazin: Die FIFA WM 2006 wird weltweit das größte Sport- und Medienereignis aller Zeiten. Steigen da auch die Anforderungen an den Fernsehjournalisten?
Delling: Die ganze Diskussion um das 16:9-Format und die HDTV-Technik war schon spannend. Beim NDR haben wir bereits einige Handballspiele in 16:9 übertragen, weil wir wissen wollten, worüber wir reden. Die Zukunft wird ein völlig neues Kameraspektrum sein, welches für Sport super geeignet ist. Diese WM wird es noch nicht so richtig zeigen, weil man die Bilder auch problemlos im alten 4:3-Format sehen kann.

stadtmagazin: Bleibt da für den Moderator noch Platz, sich selbst zu verwirklichen?
Delling: Immer weniger. Aber das ist schon seit vielen Jahren so. Ein bisschen Spielraum bietet noch die Geschichte mit Günter Netzer. Aber auch hier wurde ein Konzept entwickelt, wo wir journalistisch entlang wollen. Das ist ein enges Korsett ohne große Spielmöglichkeiten. Deshalb ist es umso wichtiger, sie sich ab und zu mal zu nehmen.

Gerhard Delling
Geboren am 21.4.1959 in Rendsburg. Der Leiter des Sports beim NDR moderiert u.a. die Sportschau in der ARD. Große Popularität brachte ihm die Zusammenarbeit mit Günter Netzer ein. Für seine "kritische und analytische Präsentation der Fußball-Länderspiele" erhielten Delling und Netzer im Jahr 2000 den Adolf-Grimme-Preis. Gerhard Delling ist zum zweiten Mal verheiratet und hat drei Töchter.


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