Schuhwerk lief sich schnell durch Mittelalterliches Leben aus der Perspektive der einfachen Leute Von Robert Fossiert: Geschichte ist meist die Geschichte der Mächtigen, der Kriegsherren, der Fürsten und religiösen Würdenträger. Ihr Handeln ist überliefert, Quellen verschiedenster Art berichten über ihr Wirken und Werken, es ist problemlos möglich, das Leben der hohen Herren vergangener Tage zu ergründen, ihre Taten zu analysieren, ihr Wirken zu interpretieren. Wie aber lebten die einfachen Menschen in der Vergangenheit? Die Bauern, Handwerker, die einfachen Händler? Wie die Frauen, die Kinder, die Alten?
„Der Mensch im Privaten“ lautet der Titel eines Kapitels in Robert Fossiers Buch „Das Leben im Mittelalter“. Und in diesem Kapitel widmet sich Fossier beispielsweise Modeerscheinungen und zeigt auf, wie schon im Mittelalter Ideen aus fremden Ländern in die Kleidung der Menschen in Mitteleuropa einflossen, dass es keine Unterschiede zwischen Haus- und Straßenkleidung gab, dass einfache Bauern nur zu festlichen Anlässen einen Gürtel trugen oder dass sich die Sohlen des mittelalterlichen Schuhwerkes ganz schnell durchliefen. Dies sind vielleicht keine Informationen, die den Lauf der Welt in einem ganz neuen Licht darstellen, aber Fossier gibt dem Alltag in seinem Buch den zentralen Platz. Einen Alltag jenseits der großen Politik, dort, wo die Menschen ihr Leben verbrachten. Ob man nun unbedingt wissen muss, wie der Mensch des Mittelalters seine Notdurft verrichtete, darüber kann man sicherlich streiten, aber dies gehört nun einmal zum Leben dazu und unter Hygieneaspekten betrachtet (Stichwort: Krankheitsverbreitung) ist dieser Aspekt des Alltagslebens keinesfalls nur als Fußnote zu betrachten.
In was für Wetterverhältnissen lebten die Menschen? Welche Rechte besaß eine Ehefrau? Nach welchen Maßen wurden Waren und Entfernungen berechnet? In den Städten des späten Mittelalters waren Abtreibungen fast an der Tagesordnung. Interessant: Kindern wurde das Krabbeln untersagt, weil es als Rückfalls ins Animalische betrachtet wurde, gleichzeitig aber zeigen Funde von Rasseln, Murmeln und Puppen auf, dass Kinder keine Zwerge ohne Alter waren, als die sie von Historikern lange Zeit betrachtet wurden.
Die Masse an Informationen mag zwar erschlagend wirken, sie zeigt jedoch auf, dass der Mensch des Mittelalters keinesfalls ein Gimpel gewesen ist, als der er noch heute oft dargestellt wird, sondern das Leben schon damals recht kompliziert verlief.
Robert Fossiert
Robert Fossiert: „Das Leben im Mittelalter“. Piper Verlag, München 2008. 496 Seiten. 22,90 Euro