350 ehrenamtliche Helfer waren im Einsatz und sorgten unter anderem für den Aufbau der Bühne und des Biergartens. Einer von ihnen war Jens von Mulert, Wahlberliner und doch noch mit dem Herzen in Haldern Zuhause. Trotz Bachelorarbeit zog es ihn auch dieses Jahr wieder in die Heimat, um das Team der Freiwilligen tatkräftig zu unterstützten. Viel Schlaf hat er an diesem Wochenende nicht gehabt, dennoch nahm er die lange Fahrt von Berlin an den Niederrhein gerne in Kauf.
Denn das Festival, dessen Geburtsstunde im Jahre 1981 liegt, zieht nicht nur "alte" Dorfbewohner in die Heimat, sondern auch Festivalbesucher aus allen Himmelsrichtungen. Eines ist für das "Halderner" üblich: der Streifzug durch die verschiedenen Musikgenres. Von Rock und Pop über Indie bis hin zu Elektro war für jeden Musikgeschmack etwas dabei.
Bereits 2009 sorgten Mumford and Sons für Begeisterung auf dem Haldern Pop-Festival, dieses Jahr kehrten sie zurück – auf die Hauptbühne. Damals noch unbekannt, haben die Briten es 2010 geschafft, sich mit Akkordeon und Kontrabass in die Charts zu spielen. Für Reggae-Feeling sorgte am Freitag Rox mit ihrer Frontfrau Roxanne Tataei. Obwohl die meisten Besucher nur den Song "My Baby left me" kannten, machte die 21jährige mit jamaikanisch-iranischen Wurzeln eine gute Figur auf der Hauptbühne und begeisterte mit ihrer Soulstimme.
Die Überraschung des Tages war die vierköpfige Formation Delphic aus Manchester. Ihr 2010 veröffentlichtes Album "Acolyte" schaffte es ohne große Umwege in die Top 10 der UK-Charts. Mit elektronischen Klängen ihrer Alternative-Dance-Music brachte die Band um Sänger James Cook so manchen zum Tanzen. Keine Frage, der Song "Doubt" hat schließlich absolutes Ohrwurmpotenzial. Gekonnt verbinden die Jungs aus Manchester Rock und Elektro, gepaart mit einer Stimme, die Widererkennungswert hat. Bemerkenswert ist die perfekte Abstimmung von elektronischen und handgemachten Sounds auf "echten" Instrumenten. Trotz der unüberhörbaren 80er Einflüsse ist Delphic weit mehr als eine Revivalband.
Es könnte auch zum Wort des Jahres gewählt werden: Singer/Songwriter. Doch wenn The tallest man on earth als solcher bezeichnet wird, sollte man nicht denken, er sei einer von vielen. Denn der smarte Schwede gehört zu einer Handvoll Künstlern, die es in den Indie-Olymp schaffen. Mehr als seine kraftvolle Stimme und seine Gitarre brauchte der Solokünstler nicht, um das Halderner Pop-Volk zu begeistern. Seine Musik erzählt aus dem Leben, voller Energie gab Kristian Matsson alles auf der Hauptbühne als er seine Musik - eine Mischung aus gefühlvollem Folk, ein wenig Country und Blues - auf der Bühne lebte. Vergleiche mit dem legendären Bob Dylan kommen nicht von ungefähr.
Ein ganz anderes Ziel verfolgt Dan Deacon aus New York: Dance! Hier gibt es keine Kompromisse, keine Gefühlsduselei. Erst mal gesellte sich der Amerikaner ins Publikum, denn Deacon ist bekannt dafür, seinem Publikum auf Augenhöhe zu begegnen. Seine Botschaft ist eindeutig: es soll getanzt werden, ausgelassen bitteschön. Bevor das monotone Wummern, das sich irgendwann in elektronische Musik verwandelt, ertönte, gab es erst mal ein kleines Warm-up. Er lies das Publikum niederknien und Handküsse an den Nebenmann verteilen, letztendlich wurde ein Kreis für ein einstimmendes Tanz-Battle gebildet. Spätestens jetzt stand keiner mehr still auf der Tanzfläche. Wenn musikalisch auch nicht jedermanns Sache, gehorchte das Volk im Spiegelzelt und brachte den Boden regelrecht zum Beben. Soundschleifen, musikalische Salti und unaufhörliche Loops sind bei Dan Deacon aus New York Programm. Was auf seinen Platten wie ein wahnsinniger Trip klingt, entfaltet live erst seine volle Qualität. Auch wenn Deacons Stil eher haldernuntypisch scheint, gilt dieser Act für mich als Open Air Highlight.
Am Samstagabend standen dann als weitere Höhepunkte die Auftritte von "Yeasayer" und "The National" auf dem Programm.
Doch auch das macht das Haldern Pop Festival aus: musikalische Offenheit. Damit das Festival so klein und familiär bleibt, wird auch in Zukunft nicht mehr als 5000 Besuchern der Eintritt gewährt - auch wenn die Karten in diesem Jahr rasend schnell vergriffen waren. Und das ist gut so.