Seit Hape Kerkeling das Pilgern mit seinem Buch Ich bin dann mal weg bei uns populär machte, sogar das Reality-TV auf diesen Zug aufgesprungen ist und sich viele Prominente zu dieser Form der inneren Einkehr mehr oder weniger Publicity wirksam bekennen, ist geradezu ein Pilger-Boom ausgebrochen. Man trifft sich auf den altbekannten, ausgetretenen Pfaden und strebt aus allen Himmelsrichtungen auf einige berühmte Ziele zu. Auch der Kinofilm "Saint Jacques – Pilgern auf Französisch" (stadtmagazin Film-Tipp 09/2007) sorgte für eine Renaissance dieser eigentlich zur Ruhe und inneren Einkehr gedachten Reiseform. Um zu den Ursprüngen zurückzukehren und die unberührte Landschaft in vollen Zügen zu genießen, eignet sich der westlichste Zipfel der Britischen Insel am besten.
Insel der 20.000 Heiligen
Weitab von den überlaufenen Pilgerrennstrecken führt eine wunderschöne Route im Norden von Wales auf die Halbinsel Llyn in den natürlichen Hafen von Porth Meudwy bei Aberdaron. Von dort aus geht es auf die Insel Bardsey, die auf walisisch "Ynys Enlli" (Insel der starken Strömung) heißt. Bardsey Island gilt seit Jahrhunderten als heilige Insel. Schon im Jahre 512 soll der Heilige Cadfan hier ein Kloster gegründet haben. Seit dieser Zeit war die Insel eine hochverehrte und ausgesprochen beliebte Pilgerstätte. In der katholischen Kirche zählten drei Pilgerreisen nach Bardsey so viel wie eine nach Rom. Die Legende spricht von Bardsey als der "Insel der 20.000 Heiligen". Doch Archäologen bezweifeln, ob hier tatsächlich so viele Pilger begraben wurden, denn Unzählige kamen schon beim Versuch, auf die Insel zu gelangen, ums Leben.
Bardsey Island liegt in Sichtweite der Halbinsel Llyn. Sie scheint zum Greifen nah und macht doch ihrem Namen als "Insel der starken Strömung" alle Ehre. Unberechenbare Strömungen und das urplötzlich wechselnde Wetter machen eine Überfahrt zu einem tückischen Abenteuer. Wer sich übersetzen lässt, wird auch heute noch darauf hingewiesen, dass man sich notfalls auf einen ungeplanten längeren Aufenthalt einstellen sollte.
Karge Einsamkeit
In heutigen Zeiten leben nur acht Menschen auf Bardsey und das auch nur saisonal. Zusammen mit einer Vielzahl von Schafen, Seevögeln und Robben kann man also ungestört wandern, die Sonne am Strand genießen und braucht sich keine Sorgen machen, schnatternden Pilgerhorden zu begegnen. Der malerische Pilgerweg nach Bardsey führt von Clynnog Fawr, einer Abtei aus dem Jahr 616, die Nordküste der Halbinsel entlang über Heideland und Klippenwege vorbei an alten Kirchen, pittoresken Ortschaften und heiligen Quellen. Diese romantische Landschaft und das einzigartige Licht haben bereits den Maler Oskar Kokoschka fasziniert, der hier während des Zweiten Weltkriegs im Exil lebte.
Gerade heute kann man auf Llyn sein Heil finden. Wer Ruhe und Muße sucht, um in sich zu kehren, kann auf Bardsey Island eines der wenigen Häuser mieten, ohne Strom und fließendes Wasser auf einer Insel, die gerade einmal 2,5 x 1 km misst.