Der nächste Morgen: Feuchte Luft steht über Zentralvietnam. Kein Windzug. Über dem Südchinesischen Meer stehen dicke Regenwolken. War es wirklich eine gute Idee, sich hierauf einzulassen? Aber alle haben es gewusst und sich gerade wegen des Fußballspiels, diverser Radtouren und eines Kochkurses für diese Reise entschieden. Alle, das sind 25 junge Leute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein wild gemischter Haufen.
Punkt 8.30 Uhr sitzen alle auf ihren Fahrrädern. Gangschaltung - wozu? Bremsen - funktionieren. Was will man mehr? Los geht’s. Über Zwischenstopps bei Räucherstäbchen-Drehern, Vietnam-Hut-Machern und Reisschnaps-Brennern zur eigentlichen Herausforderung des Tages: dem Fußballspiel.
Der Bolzplatz im Westen
In Vietnam sind alle mit dem Fahrrad unterwegs. Und transportieren alles damit: riesige Vasen, Goldfische, lebende Schweine. Es gibt nichts, was ein vietnamesischer Radfahrer nicht auf seinem Gepäckträger unterbringt. An jeder roten Ampel sind die blassen Radfahrer aus dem fernen Europa Gesprächsthema. Ganze Schulklassen lachen sich schlapp über große Menschen auf viel zu kleinen Rädern. Aber um Schönheit geht es nicht auf dieser Tour, mehr als 1700 Kilometer durch Vietnam.
Tay Loc - glücklicher Westen - heißt der Stadtteil der alten Kaiserstadt Hue, in dem sich der Bolzplatz für dieses ungewöhnliche Länderspiel befindet. Deutschland ist Nummer 19 der Weltrangliste. Die vietnamesische Volksrepublik "nur" Nummer 126, dennoch total verrückt nach Fußball. Nach einem Sieg brettern Millionen Mopeds durch die Straßen, Fahrer plus drei Beifahrer schwenken Fahnen. Und setzen so auch die letzten der ohnehin wenigen Verkehrsregeln außer Kraft.
Bayern-Leibchen mit Opel-Werbung
Beim Betreten des Fußballplatzes wird schnell klar: Die Vietnam-Kicker sehen verdammt austrainiert aus. Beckenbauer, Ballack, Klinsmann. Kapitän Nguyen Khoa Thang kennt sie alle. Trikots aus Madrid, Mailand und Manchester sind heiß begehrt. Hin und wieder sieht man auch mal ein Bayern-München-Leibchen – noch mit Opel-Werbung.
Gespielt wird auf dem normalen, also großen Fußballfeld. Feld ist in diesem Fall wörtlich gemeint. ”Vorsicht, jede Menge Löcher”, ruft Kai aus Kiel. Mehr und mehr Schaulustige sammeln sich am Spielfeldrand, wollen die Langnasen sehen, die bei großer Hitze und in kurzen Hosen einem Ball hinterher rennen.
In den ersten 15 Minuten ist die Partie zerfahren. "Abtasten" nennt man das im Fußballerdeutsch, wenn beide Mannschaften Respekt voreinander haben: Wir vor den Vietnamesen, vor ihrer filigranen Technik, einer Mischung aus Fußball und Kampfsport. Die Vietnamesen vor drei gegnerischen Spielern, deutlich über 1,90 Meter groß.
2:1 für die Gastgeber nach der ersten Halbzeit. Während die Vorstadtkicker aus Hue entspannt im Gras sitzen, zeigt sich bei der Reisegruppe deutlich das Trainingsdefizit. Rote Gesichter, schweißgetränkte T-Shirts. Taktikbesprechung. Distanzschüsse müssen her. Und zur Verwirrung des Gegners: spontane La Ola der deutschen Fankurve. Im Krieg und auf dem Fußballfeld sind alle Mittel recht.
Die Taktik geht auf. 4:3 geht die Europa-Auswahl in Führung. Fünf Minuten vor Schluss dann der Ausgleich. Endstand 4:4. Zufriedene Gesichter auf beiden Seiten, viele Gruppenfotos. "Der beste Gegner, den wir je hatten", erklärt Nguyen Khoa Thang und lacht dabei herzlich.
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